Logo: Pisto – Magazin über Web und die Welt

Magazin über Web und die Welt

Kaputtoptimiert von Nicolai Schwarz

Titelbild: Kaputtoptimiert

An sich ist Suchmaschinenoptimierung eine gute Sache. Eine bessere Platzierung bei Cuil, Metacrawler oder Google sorgt schließlich dafür, dass mehr Leute meine Texte entdecken und lesen. Das find ich gut. Gar nicht gut find ich es, wenn mir jemand aus reinen SEO-Gründen meine Texte zerpflückt.

Es ist immer von Vorteil, seine Texte gegenlesen zu lassen. Anderen Leuten fällt schon mal der eine oder andere Flüchtigkeitsfehler auf, sie haben vielleicht eine Idee für eine grandiose Überschrift oder sagen, dass Passagen verständlicher sein könnten. Das ist manchmal nervig, aber wenn es den Text verbessert: Nur zu!

In den letzten Monaten häufen sich allerdings Vorfälle, in denen Sätze einzig und allein mit dem Argument der Suchmaschinenoptimierung massakriert werden. Da stehen im Satz plötzlich vier weitere Subjektive in der Aufzählung, weil irgendwer danach suchen könnte. Das Wortspiel in der Zwischenüberschrift wird ganz gestrichen und durch Wörter ersetzt, die ich für bürokratisch und langweilig halte, die aber dafür den Suchmaschinen gefallen könnten.

Deutsche Sprache mehr schlecht

Der deutschen Sprache geht es seit Jahren beschissen. Sie krankt an immer mehr Menschen, die sich mit Rechtschreibung und Zeichensetzung abmühen. Sie hat sich einen englischen Virus eingefangen, der immer weiter um sich greift und ehemals gesunde Worte wie zum Beispiel »Infostand« in »Info-Point« mutieren lässt. Außerdem wird sie von seltsamen Buchstabenkürzeln geplagt, die sich in SMS und Chats ausbreiten.

Nun also ist Suchmaschinenoptimierung in aller Munde und verdrängt nebenbei Wortspiele, flüssige Sätze und sprachliche Eleganz. Die taz titelte im Jahr 2000 zum Beispiel »Elfs Freunde sollt ihr sein«. Ein sehr schöner Titel für das Thema. SEO-mäßig ist der Titel eine komplette Katastrophe. Stattdessen müsste dort irgendwas im Sinne von »Kohl Mitterand 30 Millionen Mark Elf Aquitaine« stehen.

Mit derselben Begründung ist der Titel »Kaputtoptimiert« grottig. Ich hätte diesen Text »Suchmaschinenoptimierung (SEO) massakriert die deutsche Sprache« nennen sollen. Da wird das Stichwort SEO genannt, und ich konnte noch eben ein kräftiges Verb hineinretten.

Die Unlust an der Sprache

Texte profitieren von einer lebendigen Sprache. Ein emotionaler Text bleibt immer besser im Gedächtnis als ein Text, der vornehmlich dazu gedacht ist, eine Anzahl von möglichen Suchbegriffen aneinander zu reihen. Und was ist am Ende besser: Weniger Menschen erreichen, die einen guten Text lesen? Oder mehr Menschen, die einen langweiligen oder holprigen Text vorfinden – und deshalb vermutlich auch nicht bis zum Ende lesen?
Ich votiere klar für die erste Option, denn ich schreibe Texte für Menschen, nicht für Maschinen.

Um es nochmal klarzustellen: Ich bin sehr für Suchmaschinenoptimierung. Aber wenn ich der Meinung bin, dass der Text anders besser fluppt, ist mir SEO schlichtweg schnuppe.

Der Autor

 Nicolai SchwarzNicolai Schwarz bemüht sich, auf Sprache zu achten. Vielleicht liegt es daran, dass er seine Agentur textformer mediendesign genannt hat. Da steht der Text, stellvertretend für den Inhalt, nun einmal an erster Stelle. Und so sollte es auch sein.

Titelbild: »SEO-Monster« von Nicolai Schwarz

01.09.200810 Kommentare

Stichwörter:

Kommentare

Ich stimme hier voll und ganz zu. Es ist sicherlich besser hochwertige Texte an einen kleinen Teil von Lesern zu bringen, als einen Müll an Millionen. Es ist schön zu wissen, dass es auch Menschen gibt die auf Qualität und nicht auf Quantität Wert legen.

Das ist doch auch der völlig falsche Ansatz. Die Menschen sollen doch nicht den Maschinen gefallen, sondern die (Such-)Maschinen dem Menschen "dienen". Oder sind wir schon so weit...?

An sich ist Suchmaschinenoptimierung eben keine gute Sache.

“Code to standards, not devices!” sagt Anne van Kesteren und weil Code von Codex kommt, will ich mal behaupten, dass das auch für natürliche Sprachen gilt - ohne hier den Standardspießer geben zu wollen.

Ich glaube hier wird SEO ein wenig zu eng gedacht. Suchmaschinenoptimierung ist doch nicht nur Keyworddichte und Title-Tag, sondern vor allem Inhalte anzubieten, die gerne und freiwillig verlinkt werden. Sprich eine Domain mit Trust aufzubauen. Dann klappt es auch mit problematischeren Keywords und die finden sich schon automatisch mit der Zeit ein, denn Wortspiele und gute Überschriften funktionieren auch mit den harten Stichwörtern, wenn sicher auch nicht immer.

Ich würde diesen sehr gelungenen und verlinkenswerten Text also noch hinzufügen, dass diese Ausschließlichkeit nicht gegeben ist. Zudem kann man auch noch technisch einiges machen um beides zu gewährleisten, also gute Überschriften und eine Keywordverlinkung, die dann bei diesem Beitrag eben so aussähe:

SEO und Sprache
Kaputtoptimiert

Verlinkt wäre beides, wobei der erste Link zählt und die Keywords enthält. Spiegel Online hat z.B. solche zwei Überschriften bei den Hauptartikel, allerdings ohne die erste Überschrift zu verlinken.

Und entschuldige Cappellmeister, aber deinen Kommentar verstehe ich wirklich nicht. Nutzt du Google nicht? Google versteht keine Texte. Es kann Texte nur auf Kriterien überprüfen, das semantische Verstehen steckt zwar nicht mehr allein bei Keywords fest, sondern wurde um viele Regeln erweitert, von Verstehen kann aber dennoch nicht die Rede sein. Wenn aber all die guten Texte sich diesen Kriterien entzögen würden wir bei Google nur noch die schlechten Texte finden und somit wäre Google vollkommen wertlos für uns und das Internet zudem um einiges ärmer. Hier dient also immer noch die Maschine dem Menschen und dem Menschen ist es zu verdanken, dass die Maschine uns noch immer anhalten muss, auf sie zu achten, denn wir sind noch nicht clever genug ihr beizubringen wie unsere Sprache funktioniert. Dort sollte also das bemühen hauptsächlich sitzen, oder wollen wir wieder in Archiven wühlen, die nach Anfangsbuchstaben sortiert sind?

Ein passender Beitrag des NDR dazu:
http://www.youtube.com/watch?v=piLUXqREqCc

@soeren onez: Natürlich widersprechen sich Titel bzw. Wortspiele und Keywords nicht immer. Es kann vorkommen, dass sie sich ergänzen.

Dennoch argumentierst du aus Sicht einer Suchmaschinenoptimierung. Dachzeilen (Zeilen über einer Überschrift) sind für Zeitungen und Zeitschriften ja nicht ungewöhnlich. In deinem Beispiel würde die Dachzeile aber nur ins Spiel kommen, um Suchmaschinen zu bedienen. Blätter mal eine Zeitung durch, Dachzeilen unterstützen die Aussage des Titels oder helfen durch eine schnelle Kategorisierung (Steuertipp, Am Wochenende). Sie sind nicht per se zur Suchmaschinenoptimierung da.

Und dass Wortspiele und Keywords Hand in Hand gehen, wird eher selten passieren.

@Franz: Danke für den Link.

@ Nicolai Schwarz

Im Prinzip hat Soeren doch Recht, es ist eben nicht so, dass sich SEO und gute Überschriften zwangsweise auschließen müssen.

Im genannten Beispiel bezogen auf diesen Artikel ist die Ergänzung "SEO und Sprache" eine, die durchaus für den Menschen sinnvoll ist.

Idealerweise würde man immer Texte in so einer tollen Qualität liefern, dass allein dadurch Besucher kommen und bleiben. Das Problem ist Zeit und die enorme Konkurrenz im Netz. Folglich versuchen tausenden Webmaster durch solche "Tricks" wenigstens etwas Aufmerksamkeit gegenüber der Konkurrenz zu bekommen (besseres Ranking). Funktioniert aber meistens nicht.
Auf lange Sicht fährt man mist besserer Qualität aber doch besser...

Wie sehr das Thema SEO wieder die Runde gemacht hat, war ja das „befreiPhone“. Einerseits konnte man irrsinnig etwas über’s Thema SEO lernen, was einen im Gegensatz für eben jene „freien“ Texte, also SEO-ist-mir-sowas-von-Wurscht-Artikel/Seiten zu nutzen. Jeder halbwegs mündige Mensch mekrt irgendwann, wenn eine Seite nur sinnfreies Wischiwaschi bietet, der kommt nicht wieder. Wozu auch, es wird ihm kein Inhalt geboten. Blogs und Websites, die rein auf SEO getrimmt sind, sind nicht erfolgreich, einfach dadurch, dass sie nicht interessant sind. Sie sind interessant für irgendwelche Kriterien von Spidern, aber nicht für Nutzer. Und die haben letzlich die Hand darauf, ob eine Seite gut oder Grütze ist.

Schreibt wie ihr es für richtig haltet. Guter, wertvoller und nutzbringender Inhalt, das ist alles, was zählt. Der Rest kommt von alleine. Google hin oder her.

Es ist schade, dass Suchmaschinenoptimierung so oft einer erfolgreichen und nutzerfreundlichen Informationsarchitektur gegenübergestellt wird. Dabei ist gutes SEO mit dem Aufbau eines Informationssystems, das dem Nutzer dient, deckungsgleich.
Google ist nunmal auch nur ein Tool, dass dem Nutzer hilft, Informationen zu finden. Und damit Google diesen Dienst anbieten kann, braucht es z.B. Keywords, um zu wissen, worum es im entsprechenden Artikel überhaupt geht.
Nicolai, Du sagst selbst sehr richtig: "Blätter mal eine Zeitung durch, Dachzeilen unterstützen die Aussage des Titels oder helfen durch eine schnelle Kategorisierung (Steuertipp, Am Wochenende)." Das wichtige Stichwort hier: Kategorisierung. Der schönste Artikel nützt nichts, wenn er nicht gefunden wird.
Dein Artikel wird gut gefunden, denn die Keyword-Dichte zum Begriff "SEO" bzw. "Suchmaschinenoptimierung" ist im Fließtext gegeben, auch wenn die Keys nicht in der Überschrift vorkommen. Und das ist doch auch gut so!
Generell kann man doch sagen: der goldene Gral ist: gefunden werden, relevante Inhalte bieten (für die Nutzer. Und das bewertet der Algo von Google.) und dabei schön und interessant schreiben. Das ist die Herausforderung. Daher schadet es nicht, als Texter immer ein bisschen SEO im Hinterkopf zu haben, ohne es zu übertreiben. Ein Optimieren auf den Nutzer entspricht einem Optimieren für Google. Die Dachzeile "Zerstört SEO unsere Sprache?" z.B. würde einem Nutzer helfen, der sich eben darüber Gedanken macht und dazu gerne einen Artikel lesen würde. Und Google hilft ihm dann, diesen Artikel zu finden. That's it ;-)

Werbe-Kommentare werden wir übrigens löschen. Im Zweifel nehmen wir zumindest den Link zur beworbenen Homepage raus.

Es gibt zu diesem Artikel einen Kommentar-Feed