Ich habe dort noch nie etwas gesucht. Nie Verwendung für sie gehabt. Ich schaue sie mir nur manchmal an. Klicke ein bisschen darin rum, einfach so. Denn ich liebe das Design der Website.
Craigslist kümmert sich nicht um flüchtige Moden oder barocke Schönheitsideale prätentiöser Web-Dekorateure. Craigslist funktioniert einfach. Craigslist gewinnt keine Design-Preise. Craigslist ist aber nicht hässlich wie Amazon oder ebay. Craigslist ist eines der schönsten Website-Designs, die ich je gesehen habe. Craigslist ist ein Bollwerk der Prinzipien, errichtet gegen gestalterischen Pragmatismus. Minimalistisch, unaufdringlich, unbefleckt.
Eine Seite, an der sich noch keine Web-Stuckateure vergehen konnten, mit ihren digitalen Spachtelarbeiten aus dem Photoshopfilter-Baumarkt. Die können das nicht verstehen: keine runden Ecken, keine Verläufe, keine bunten Farben, als einzige Extravaganz eine Serifenschrift im Titel. Da schreiben sie sich in ihren Blogs die Finger wund über Redesigns, Techniken und grafische Basteleien, und dann so was.
Und so wird von Zeit zu Zeit immer wieder mal irgendwo ein Artikel veröffentlicht, der zu beweisen versucht, dass das doch bitteschön so nicht geht. Wo kämen wir denn hin, wenn jemand einfach so auf die Verheißungen des »Designs« verzichten würde? »Design«, das Gestalter anbieten, die eher Consultants oder Vertretern mit Musterköfferchen voller austauschbarer Styles gleichen. Jemand benutzt zehn Jahre lang dasselbe Design? Und wir redesignen alle drei Monate? Und nicht mal mit dem Validator kommt man der Seite bei? Verflucht…
Craigslist verwendet Minimalismus nicht als Style, der nach halbjähriger Benutzung gegen ein überladenes Louis XIV- oder »Grunge«-Theme ausgetauscht wird. Craigslist lacht den Typonerds mit ihren egozentrischen Diskussionen über verbrauchte Webfonts ins Gesicht und beschränkt sich freiweillig, feiert fröhlich-grau Urständ. Nicht prätentiös oder kokettierend ist der Minimalismus der Seite, sondern nonchalant. Das radikale Understatement im Corporate Design schlägt paradoxerweise dessen vehementeste Verfechter - mit ihren eigenen Waffen. Durch Verzicht auf die Segnungen, die Design-Consultants versprechen, schafft sich Craigslist ein einzigartiges Corporate Design, das die Website aussehen lässt wie keine andere.
Craigslist ist erfolgreich, so erfolgreich, wie wir alle gern sein würden. Und das ist es, was den Dekorateuren aufstößt: es zeigt ihnen, wie obsolet sie im Grunde sind, wie unwichtig ihr ganzer Overhead aus Pamphleten, Präsentationen und Kommentaren ist. Wie simpel Webdesign sein kann.
Die wunderbare Website craigslist.org lässt mich wehmütig an ein Internet und Webdesign denken, die einmal waren. Als man sich Webseiten-Gestaltung noch nicht aus einem ständig verfügbaren Baukasten zusammenklickte. Als es noch Ideen gab.
Ich wünsche mir sehr, dass Craigslist bleibt, wie es ist. Ein Ort im Netz, an dem das Auge ruhen kann. Ein Zen-Garten des E-Commerce. Wo Grau noch Grau ist.
Der Autor
Dirk Hesse ist freiberuflicher Webdesigner und hält es mit Jonathan Richman: »Well, I see a 50s apartment house, bleak in the morning sun. But I still love the 50s, and I still love the old world.«
Titelbild: »Craigslove« von Dirk Hesse
Kommentare
Gerrit van Aaken schrieb am 25.03.2009:
Amen.
Nico schrieb am 25.03.2009:
»Tse.«
Ich geh' mal wieder ein paar Wände verputzen… ;)
Andreas Doelling schrieb am 25.03.2009:
Hallo Dirk,
ich bin zwar nur ein Entwickler, gebe aber trotzdem einmal meinen Senf dazu: grundsätzlich mag auch ich eher klare und schlichte Designs – Craigslist allerdings ist mir persönlich dann doch eine ganze Ecke zu spartanisch. So ein paar kleine Streicheleinheiten fürs Auge finde ich schon ganz gut.
Worin ich Dir aber zustimme, das ist die Kritik an einem Verständnis von Design als reinem Dekor. Das ist ja etwas, was auch in der Architektur, im Produktdesign, in der Musik usw. so ist: echte Schönheit kann nur aus einer Idee heraus entstehen, aus gestalterischem Willen. Ein rein eklektisches Zusammenfügen noch so schöner Versatzstücke ergibt eben nur in seltenen Glücksfällen ein stimmiges Ganzes.
Zu Deinem Artikel passt ganz gut ein Zitat aus Golo Manns »Wallenstein«: »Sich in die Tiefe eines Kunstwerks zu versenken und Kraft und Frieden aus ihm zu gewinnen, das liegt ihm nun wieder gar nicht. Es genügt, wenn man ihm anständig gemachte Dekorationen liefert.«
;)
Suchmaschinendreher schrieb am 25.03.2009:
Ich denke mehr muss man dazu nicht sagen - sehr gut geschrieben!
Viele Grüße aus Leipzig!
Oliver schrieb am 26.03.2009:
Ich finde das Design irgendwie auch nicht schlecht, es muss nicht alles so bunt sein.
Grau ist einfach auch ne schöne Farbe!
Lorenz Seeger schrieb am 05.06.2009:
Aber das Auge isst man doch mit, oder so ähnlich. Also Craiglist mag funktionieren, da Inhalte schnell transportiert werden, aber ich persönlich habe keine Lust, mich dort länger als nötig aufzuhalten.
Dass Minimalismus und Funktionalität Hand in Hand gehen können, beweisen Sie ja selbst mit Ihren Webseiten, jedoch ist Craiglist lieblos und die Zeilen liegen mir auch zu eng beieinander. Das Standard-Blau der Links blendet meine Augen und schafft mehr Unruhe, als beruhigend zu sein. Kann man da noch von Design sprechen?
Dirk schrieb am 06.06.2009:
ich persönlich habe keine Lust, mich dort länger als nötig aufzuhalten.
Das muss man ja auch gar nicht. Wenn man erledigt hat, was man wollte, und dann wieder weg ist, reicht das doch völlig :-)
Natalie schrieb am 25.07.2009:
Ich denke, der Ansatz der craigslist-Gestalter war ein sehr konventioneller:
Ebenso wie die Kleinanzeigen in Zeitungen kein "Design" benötigen, erfordert auch eine Site für classifieds recht wenig Gestaltung - aus einem einfachen Grund, wie ich denke: Die meisten Besucher werden wiederholt die selbe Kategorie ansteuern, entweder geografisch oder nach Rubrik, und demnach kaum optische Unterstützung brauchen.
Für der Erstbesuch würde ich mit doch ein wenig optische Begleitung wünschen - nur blau auf grau ist etwas anstrengend.
Folkert Groeneveld schrieb am 16.11.2009:
design in reinkultur | auch amen.
Werbe-Kommentare werden wir übrigens löschen. Im Zweifel nehmen wir zumindest den Link zur beworbenen Homepage raus.
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